Verbände sind lernende und innovative Organisationen / DGVM-Jahresumfrage zu den Trends im Verbandsmanagement

Das Stichwort „Digitalisierung“ begleitete die diesjährige Befragung des Verbändereport. Auch in diesem Jahr haben wir mit Führungskräften – insbesondere aus dem Kreis der DGVM – gesprochen und gefragt, welche Herausforderungen sie 2017 erwarten und welche Themen das neue Jahr bestimmen werden.


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Befragung der Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer der DGVM


Das Ergebnis zeigt auf der einen Seite klar in Richtung „Digitalisierung“ und des Versuchs, der sich zunehmend rasch verändernden Arbeitswelt verbandliche Strukturen entgegenzusetzen. Auf der anderen Seite sind es die „Brot-und-Butter-Themen“, die weiter den Arbeitsalltag der hauptamtlich Verantwortlichen beschreiben: Mehrwert- und Dienstleistungen, Erfahrungsaustausch und Gremienmanagement. Bestimmten im letzten Jahr die Schärfung des Verbandsprofils, der Ausbau von Netzwerken und die Interessenvertretung sowie das verstärkte Angebot von Mehrwertleistungen für Mitglieder das Handeln der Geschäftsführungen, steht eben kurzfristig für 2017 jenes Thema „Digitalisierung“ ganz oben auf der Agenda.

Der moderne Verband ist digital
„Die zunehmende Digitalisierung aller Arbeitsprozesse verändert zusehends auch die Arbeit der deutschen Aktuare“, beschreibt Michael Steinmetz von der Deutschen Aktuarvereinigung e. V. eine der wesentlichen Herausforderungen, vor denen sich viele Verbände im nächsten Jahr sehen. Doch bisher (noch) nicht für sich selbst, sondern vor allem mit Blick auf die eigenen Mitglieder: „Von daher ist es unsere Aufgabe als Berufsverband, unsere mittlerweile 5.000 Mitglieder auf die neuen Herausforderungen und technischen Veränderungen vorzubereiten“, so Steinmetz.

Für Dr. Kai Warnecke von Haus & Grund Deutschland stellt die Herausforderung eines digitalen Verbandes auch althergebrachte interne Abläufe, auf den Prüfstand: „Haus & Grund Deutschland wird 2017 nutzen, um Prozesse, soweit möglich, zu digitalisieren. Die dann frei werdenden Ressourcen können wir an anderen Stellen sinnvoller einsetzen. Bei allen Digitalisierungsprozessen wird es darauf ankommen, die Strukturen schlank zu halten und einzelne Module über Schnittstellen miteinander zu verbinden.“

Ähnlich sieht es Prof. Dr. Axel Pestke vom Deutschen Steuerberaterverband, denn die „Zukunftsfähigkeit des von uns vertretenen Berufs hängt davon ab, wie gut die Kolleginnen und Kollegen diese Herausforderung meistern“. Der Verband müsse bei den vertretenen „Kanzleien und auch den Mandanten ein Bewusstsein dafür schaffen, was die Digitalisierung für unsere Zukunftsfähigkeit bedeutet“.

Breit aufstellen wird sich der VDI Verein Deutscher Ingenieure, so dessen Direktor Ralph Appel: „Ganz besonders in unserem Fokus steht das Thema ‚Arbeit in der digitalen Transformation“. Auch für den Verein selbst will Appel „die Chancen durch die Digitalisierung konsequent nutzen. Auf Basis unseres neuen Leitbildes erweitern wir unsere digitalen Angebote, um beispielsweise noch bessere Beteiligung, Leistungen und Vernetzung zu bieten, auch regional vor Ort.“

Einen großen Bogen schlägt Dr. Christoph Münzer vom wvib Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden e. V., Freiburg, wenn er auf den Punkt bringt, was unsere Trendbefragung zeigt: Es wird darum gehen, „Themen rund um Digitalisierung, App, Verband 4.0, QM & Co. zu bewältigen, ohne die Seele einer Gemeinschaft ‚wegzuprogrammieren‘. Verbände sind zuallererst Werte-, Leistungs- und Schicksalsgemeinschaften.“ Zugleich macht er deutlich, wie eng die Themen miteinander verbunden sind.

Von Digitalisierung zu sprechen, ist nicht alleinig Aufgabe der ITler im Verband, sondern Herausforderung für alle Strukturen und Prozesse – von Qualitätsmanagement über Finanzierungsinstrumente bis hin zu Mitgliederkommunikation. Und dieser Großtrend zeigt sich auch in der Befragung, die der Verbändereport bereits seit fünf Jahren durchführt.

„Brot-und-Butter-Themen“
Wenn auch viel von Digitalisierung gesprochen wird und die Frage sich auftut, was genau das für den eigenen Verband bedeutet. So kommt kein Verband an den wichtigen „Brot-und-Butter-Themen“ vorbei. Schließlich stehen wir mit der Bundestagswahl im September, der Wahl des nächsten Bundespräsidenten und den Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen vor einem politisch spannenden Jahr.

Für den SOVD Niedersachen erwartet Dirk Swinke „deutlich mehr Signale für ein soziales Deutschland von der Politik – wir blicken gespannt auf die Bundestagswahl“. Dr. Cord Brügmann vom Deutschen AnwaltVerein sieht große Herausforderungen auch in der politischen Arbeit für seinen Verband und mit Blick auf die Bundestagswahl: „Hier gilt es, die Ansprüche der Anwaltschaft zu formulieren und die Politik auch in die Pflicht zu nehmen.“

Sorgen bereiten Werner Koch vom Bundesverband der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie e. V. auch die Stoßwellen der jüngeren Entwicklungen in den USA und Großbritannien: „In jüngster Zeit haben der BREXIT und die Präsidentschaftswahlen in den USA gezeigt, dass Europa und die Welt im Wandel befindlich sind. Mit Blick auf 2017 werden mit noch größerer Spannung die Ergebnisse und Auswirkungen der Bundestagswahl und der Landtagswahl in NRW erwartet.“

Auch der Deutsche Verband für Physiotherapie – Landesverband Nordrhein-Westfalen richtet seinen Blick in Richtung Wahlen, so Jürgen Querbach: „Nach den umfangreichen Kampagnen zur schlechten Verdienstsituation und zum Fachkräftemangel in der Physiotherapie müssen wir als Verband nun die politischen Ergebnisse umsetzen. Hier erwarten wir harte Auseinandersetzungen mit den Krankenkassen, die uns erheblich belasten werden.“

Dass diese politische Interessenvertretung nicht losgelöst von der Verbandsentwicklung gedacht wird, macht Holger Preibisch vom Deutschen Kaffeeverband deutlich, wenn der Kaffeeverband die „erfolgreiche Profilschärfung des Verbandes fortsetzen möchte: Kein Unternehmen, kein Consultant hat mehr Expertise als der Branchenverband. Mit dieser Maßgabe konnten wir in 2016 einen Mitgliederzuwachs von 20 Prozent verzeichnen. Zugleich gilt es, die hohen Erwartungen der Mitglieder mit einem sehr dynamischen Verbandsleben und hoher fachlicher Kompetenz zu erfüllen.“

Ähnlich sieht das auch Querbach, der „gegenüber der Mitgliedschaft und der Öffentlichkeit das Verbandsprofil weiter schärfen und noch deutlicher machen“ möchte, wofür der Verband als Berufsverband steht.

Spannend: Die langfristige Trendentwicklung
Ein Blick auf die langfristige Trendentwicklung zeigt eine generelle Angleichung verschiedener Schwerpunkte verbandlicher Arbeit und macht damit deutlich, wie sehr verschiedene einzelne Arbeitsbereiche im Verband mit weiteren Strukturen und Prozessen interagieren. Es hängt eben alles mit allem zusammen, könnte man salopp formulieren.

Werden vorrangig Arbeitsbereiche zusammengefasst, die mit Blick auf eine Modernisierung (das „Refitting“) von Strukturen gedacht werden können, ergibt sich ein spannendes Ergebnis:

Im Laufe der letzten Jahre glichen sich die Anstrengungen der Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer von DGVM-Mitgliedsverbänden einander an. Nachvollziehbar ist das, da gerade in jüngerer Zeit immer deutlich wird, wie sehr einzelne Prozesse mit anderen Arbeitsbereichen zusammenhängen: Wer gekonnt kommunizieren möchte, benötigt auch schlanke interne Strukturen. Der Verband mit hoher Mitgliederzufriedenheit verfügt in aller Regel auch über sehr gut ausgebaute Mehrwert- und Dienstleistungen für seine Mitglieder.

So zeigt der Trendverlauf der letzten fünf Jahre auch deutlich auf, wie umfangreich Verbandsentwicklung gedacht werden muss, findet auch Cordula Winterholler vom Deutschen Bundesverband für Logopädie e. V. (DBL): „Die Aufgaben des Verbandes für 2017 werden sein: die Zukunft für den Verband, seine Mitglieder und das Berufsbild aktiv zu gestalten. Reaktionsschnell, zielorientiert und ressourcenbedacht. Dazu benötigen wir engagierte und kompetente Menschen im Haupt- und Ehrenamt.“ Das bringt Torben Leif Brodersen vom Deutschen Franchise-Verband auf den Punkt, indem er für seinen Verband in Anspruch nimmt, „eine innovative und lernende Organisation zu sein“.

So schließt sich der Kreis der vor uns allen liegenden Herausforderung, die digitale Transformation zu gestalten, hin zu dem Anspruch den Verband zu einer schlagkräftigen und lebendigen Organisation weiterzuentwickeln. Mit den im nächsten Jahr anstehenden politischen Momenten, den verbandsalltäglichen Services und Leistungen und der Innovationskultur im Verbandsleben steht ein sicher spannendes Jahr 2017 bevor.


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Befragung der Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer der DGVM